
Matthias Künsken, Geschäftsführer SELOCA, beobachtet auf dem deutschen Markt eine zunehmende Knappheit von Routern und Modems (Foto: SELOCA/Frank Molter)
Halbleiter-Knappheit könnte Digitalisierung massiv ausbremsen
Die bestehende weltweite Knappheit bei Rohstoffen und Halbleitern führt nicht nur zu Kurzarbeit bei führenden Automobilherstellern in Deutschland. Der Mangel betrifft inzwischen auch immer stärker den Breitbandmarkt und könnte die auf leistungsstarke Internetzugänge angewiesene Digitalisierung mitten in der Pandemie massiv ausbremsen.
Chiproduktion wurde in Corona-Krise heruntergefahren
Dem Nachrichtendienst Bloomberg sagte Karsten Gewecke, Europa-Chef des taiwanischen Herstellers Zyxels, dass bei Netzwerkausstattern teils dreimal mehr Chipbestellungen eingingen, als sie tatsächlich produzieren können. Grund sei die in der Coronakrise heruntergefahrene Chipproduktion, während gleichzeitig die Nachfrage nach leistungsfähigerem Home-Equipment stark angestiegen sei. Unter anderem Broadcom soll inzwischen Lieferzeiten von mehr als einem Jahr haben, was sich eins zu eins in den Lieferzeiten neuer WLAN-Router widerspiegle. Bei Bloomberg werden Bestellzeiten von 60 Wochen für Router genannt. Das Problem könnte also Netzbetreiber ohne ausreichenden Lagerbestand an Routern, Kabelmodems und Set-Top-Boxen betreffen, da sie dann keine Neukunden mehr an ihre Netze anschließen könnten. Außerdem könnten sie zunehmend Probleme bekommen, defekte Altgeräte auszutauschen.
Für den deutschen Markt bestätigt diese Aussagen SELOCA-Geschäftsführer Matthias Künsken: "Die Situation spitzt sich seit einigen Wochen zu. Immer mehr Netzbetreiber jeder Größe versuchen, sich daher die letzten noch im Online- und Präsenzhandel verfügbaren Neugeräte zu sichern. Selbst der Markt für Router und Modems älterer Generationen ist leergefegt. Das wirklich Dramatische an dieser Situation ist, dass die Knappheit fast alle Hersteller betrifft und nach Aussagen der meisten Marktkenner bis weit ins nächste Jahr gehen kann."
Refurbishing als Antwort auf Chipknappheit
Die Knappheit führt zu einem unverhofften Boom bei allen Serviceleistern für die Wiederaufbereitung entsprechender elektronischer Endgeräte, wie beim Kieler Unternehmen SELOCA. Dessen Mitarbeiter bereiten jährlich 500.000 Geräte auf, die von den inzwischen bundesweit über 50 Netzbetreiberpartnern wieder bei ihren Kunden eingesetzt werden. Die Wiederaufbereitung, auch Refurbishing genannt, gilt als sehr nachhaltig, ist aktiver Umweltschutz und wird eine immer wichtigere Säule für Green-IT. Allein SELOCA spart durch die Wiederaufbereitung in diesem Jahr den Ausstoß von mindestens 125 Tonnen CO2 ein. Zudem wird die Verschwendung wertvoller Rohstoffe wie Gold, Platin, Aluminium, Kupfer und Tantal, das zu den Seltenen Erden gehört, vermieden.
Claudia Boss-Teichmann 26.04.2021

