
Glasfasergipfel: Kooperationen und Open Acces versus Überbau
60 Prozent der Haushalte in Deutschland haben einen Zugang zu Gigabitanschlüssen, leider nur 20 Prozent davon im ländlichen Raum. Mit dieser Feststellung eröffnete Tim Brauckmüller, Geschäftsführer der atene Kom, die erste Diskussionsrunde der ANGA COM DIGITAL. Trotzdem sei Deutschland eines der Wachstumsländer beim Breitbandausbau. Um die Gestaltung des Ausbaus, namentlich von Kooperationen, Open Access und Überbau, ging es im "Glasfasergipfel" am ersten Kongresstag.
Nelson Killius, Sprecher der Geschäftsführung von M-net, stellte die Partnerschaft zwischen Deutsche Glasfaser (DG) und M-net vor, bei der DG die passive Infrastruktur baut. Das aktive Netz wird von M-net und DG betrieben, die Kunden können sich schon während der Nachfragebündelung für ein Produkt eines der beiden Unternehmen entscheiden. (Lesen Sie dazu: M-net und Deutsche Glasfaser starten Kooperation, CVE Online vom 15.02.2021). Zur Kooperationsbereitschaft des Marktführers Deutsche Telekom sagte er: "Die Telekom ist bereit, in die andere Rolle zu gehen, also auch Leistungen einzukaufen."
Kooperationen auf Augenhöhe?
Theo Weirich, Geschäftsführer von wilhelm.tel, sah die Kooperationsbereitschaft der Telekom kritischer. Mit mittelständischen Unternehmen funktionierten Kooperationen aus seiner Sicht sehr gut auf Augenhöhe, weniger gut dagegen "bei den großen Unternehmen mit sieben oder acht Buchstaben", diese würden zu oft die Strategie und die Partner wechseln. Als kommunales Unternehmen müsse wilhelm.tel aber langfristig planen. In Schleswig-Holstein gebe es 73 Unternehmen, die Glasfaser ausbauen. Zu diesen habe sein Unternehmen einen guten Zugang. Auch mit Telefónica und 1&1 bestünden Kooperationen im Bereich der NE2 und 3.
Dr. Dido Blankenburg, Vorstandbeauftragter für Breitbandkooperationen bei der Deutschen Telekom, wies für sein Unternehmen den Vorwurf eines häufigen Strategiewechsels zurück: „"Die Telekom hat immer gesagt, sie macht FFTC für die Flächendeckung, der nächste Schritt ist dann FTTH. Wir versuchen, nicht über FTTB zu gehen." Zum Thema Überbau sagte er: "Wo es Ausbauwettbewerb auf der Infrastrukturseite gibt und keine Kooperationen, werden wir unsere Kunden nicht unversorgt lassen und im Zweifel auch gegenbauen." Kooperationen funktionieren aus seiner Sicht am besten auf der Ebene der Dienste, und hier ginge die Telekom sehr viel weiter als andere Marktteilnehmer: "Wir lassen alle gleichberechtigt auf unsere Netze. Das ist bei den meisten anderen nicht der Fall."
Guido Eidmann, COO der Deutsche Glasfaser, bewertete die Strategie der Telekom kritisch. Beim Überbau sei doch der entscheidende Punkt: Privatwirtschaftlich finanziert würde Überbau von FTTH aus ökonomischen Gründen niemals Sinn machen. Die Politik setze die falschen Anreize, wenn sie Überbau fördere, es gleichzeitig aber noch weiße Flecken gäbe.
Welche Wünsche gibt es an die Politik und welche Erwartungen an die Zukunft, lautete die Frage für die Schlussrunde. Dazu äußerten sich die Diskussionsteilnehmer optimistisch und relativ einhellig: Sie erwarten und erhoffen sich ein gutes Wettbewerbsumfeld, das viel Ausbau ermögliche. Theo Weirich sagte: "Ich wünsche mir, dass wir in zwei Jahren nicht mehr über die Basisinfrastruktur diskutieren werden, die ist dann einfach da, egal von wem." Im Mittelpunkt solle dann stehen, zunehmend mehr Dienste, die in den letzten 20 Jahren an Unternehmen aus den USA verloren gegangen seien, auf diesen Netzen aufzubauen, so der Geschäftsführer von wilhelm.tel.
Claudia Boss-Teichmann 08.06.2021

