
Podiumsdiskussion zu "Personalized Media" auf den Linzer Cable Days. (V.l.) Moderator Andreas Kunigk, Pressesprecher RTR Medien/Komm Austria; Matthias Eckert, Leiter Medienforschung Hessischer Rundfunk (ARD), Matthias Lorenz, Chief Transformation, Market & Corporate Functions Officer, A1 Telekom Austria; Corinna Drumm, Verein Österreichischer Privatsender; Harald Kräuter, Direktor Technik und Digitalisierung Österreichischer Rundfunk; Philipp Böchheimer, Geschäftsführer Canal+ Austria (Foto: Cityfoto - Dr. Roland Pelzl e.U.)
Kongressmesse
Cable Days 2022 diskutieren aktuelle Entwicklungen
Die Cable Days des Fachverbands Telekom-Rundfunk der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) fanden dieses Jahr vom 27. bis 28. September in Linz statt. Nach einem eintägigen Format im vergangenen Jahr ging die Fachveranstaltung für Kabelnetzbetreiber, Rundfunkveranstalter und Branchendienstleister damit wieder über zwei Tage und bot den Besucherinnen und Besuchern im Design Center Linz ein breites Spektrum an Themen.
"Kennenlernen, Netzwerken und Diskutieren – in entspannter, aber dennoch anregender Atmosphäre mit den vielen Branchenplayern. Dafür stehen die Cable Days 2022", betonte Telekom-Rundfunk-Obmann Gerhard Haidvogel. Gelegenheit zum Informations- und Meinungsaustausch gibt es im Rahmen von Diskussionen, vor und nach den Vorträgen, im Ausstellerbereich sowie bei der Abendveranstaltung "Cable Night".
Große Herausforderungen für die Branche
Die gesellschaftspolitische Bedeutung der Telekommunikationsbranche sei in Krisenzeiten immer besonders groß, sagte Haidvogel in seiner Begrüßung. Durch die Coronakrise sei ein nachfrageorientierter Push entstanden. Die Branche habe den Anforderungen standhalten können und hervorragende Leistungen erbracht. Sie sei ein Motor für Investitionen und Innovationen.
Gleichwohl sieht der Obmann große Herausforderungen in der Zukunft, beispielsweise durch Kostensteigerungen, Lieferkettenprobleme und Inflation. Daher seien stabile Rahmenbedingungen nötig, um die für das Gigabitziel 2030 nötigen Investitionen tätigen zu können.
Ein großer Teil des Netzverkehrs werde von Plattformen verursacht, die keinen Beitrag zur Finanzierung der Netze leisten. "Auch große Techplattformen müssen einen fairen Anteil leisten", sagte er. Die einheimischen Unternehmen müssten ihre Produkte und Formate andererseits stets weiterentwickeln, damit sie im internationalen Wettbewerb bestehen könnten.
Blick in die Zukunft
Zum Auftakt der Veranstaltung warf Trendforscher Nils Müller mit seiner Keynote "The World in 2030" einen Blick in die gar nicht so ferne Zukunft und ihre Verheißungen. Im Zentrum standen dabei die Mediennutzung der Generationen Z und Alpha, die Veränderung der Medienindustrie im Metaversum sowie die Fragen, wie die Apps der Zukunft aussehen und wie wir mit Deepfakes umgehen werden.
Auf Grundlage von Trendanalysen entwarf er als Zukunftsbild: Im Jahr 2030 werde es 100 Milliarden verbundene Geräte geben, alle Oberflächen hätten Touchscreen, Computer seien unsichtbarer geworden, alles sei green und sustainable.
"Wir können mit unseren Avataren zwischen unterschiedlichen Metaversen siwtchen. Die größten sind Minecraft, Fortnite, Sandbox, Second Life." Im Metaverse werde eine voll funktionierende Ökonomie entstehen, jeder könne dort ein Geschäftsmodell entwickeln. Wird die virtuelle Welt wichtiger werden als die reale? Müller geht von einer Koexistenz aus: "Es wird eine mixed reality sein, real und virtuell zur gleichen Zeit."
Für die Medienverbreitung machte er eine konkrete Voraussage: Streamingdienste könnten nicht weiter wachsen, sie würden in Zukunft daher immer mehr Free Content anbieten, der sich über Produktplacement finanziere. Es entstünden neue Geschäftsmodelle, die beispielsweise wie das schon existierende US-amerikanische Unternehmen "Plex" eine Orientierung im Streamingdschungel böten.
Wie können Unternehmen mit dem Veränderungstempo mithalten? Müller empfahl ein "future mindset": Unternehmen müssten in die Zukunft vorausschauen, z.B. indem sie beobachten, was gerade überall auf der Welt passiert, denn Entwicklungen verliefen nicht überall gleichzeitig, manche Regionen seien der unserer technologisch einige Jahre voraus. Daraus müssten Innovationsaktivitäten abgeleitet werden, und ganz wichtig: durch Versuch und Irrtum neues ausprobiert, Fehler müssten erlaubt sein.
Zukunft der Frequenzvergaben und des terrestrischen Rundfunks
Weitere Vorträge beschäftigte sich mit der Zukunft der Frequenzvergaben. Die Weltfunkkonferenz 2023 wird die Verwendung von ultrahohen Frequenzen im Bereich 470 bis 694 MHz ab 2031 erörtern.
Michael Wagenhofer, Geschäftsführer Österreichischer Rundfunksender (ORS), forderte: "Das Spektrum muss weiterhin und langfristig dem Rundfunk zur Verfügung stehen."
Die globale Krisen hätten gezeigt, dass der Zugang zu verlässlicher Information Grundlage für unser gesellschaftliches Zusammenleben sei. Es sei auch eine Frage der Souveränität, dass man über eine eigne Infrastruktur zur Informationsverbreitung verfüge.
Damit der terrestrische Rundfunk diese Anforderungen erfüllen kann, braucht es stabile Rahmenbedingungen und er muss sich mit Kundenbedürfnissen mitentwickeln. Dies ist in den letzten 15 Jahren durch Innovation geschehen: Die Vielfalt bei DVB-T ist gestiegen, Mediatheken, HbbTV-Anwendungen und hybride Services wurden (weiter-)entwickelt, so Wagenhofer. Mit 5G Broadcast, der über alle mobilen Endgeräte empfangbar ist, stehe nun der nächste Entwicklungsschritt an.
Personalisierte Medien
Ein weiterer Themenblock widmete sich personalisierten Medienangeboten und all den Fragen, die damit zusammenhängen: Was erwarten die Medienkonsumentinnen und -konsumenten? Wie lassen sich Zielgruppen zeitgemäß beschreiben? Über welche Wege und Endgeräte erreicht man seine Zielgruppe? Welche Rolle und Perspektiven haben heimische Plattformen und Netzbetreiber gerade angesichts marktmächtiger und finanzstarker US-Konkurrenten? Welche regulatorischen Rahmenbedingungen sind hierzu entscheidend? Wie arbeiten Netzbetreiber, Plattformen- und Inhalteanbieter zusammen?
Dies wurde auf einer Podiumsdiskussion am Nachmittag des ersten Veranstaltungstags erörtert. Am zweiten Tag standen aktuelle Entwicklungen beim Breitbandausbau in Österreich im Mittelpunkt.
Einen ausführlicheren Bericht von der Veranstaltung lesen Sie in der nächsten Printausgabe von Cable!vision Europe.
Fachverband Telekommunikations- und Rundfunkunternehmungen
Der Fachverband Telekommunikations- und Rundfunkunternehmungen vertritt die Interessen der österreichischen Telekommunikations-, Rundfunk- und Kabel-TV-Unternehmen mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Mit ihren Investitionen in Netze und innovative Produkte ist die Branche ein wesentlicher Technologietreiber.
Claudia Boss-Teichmann 06.10.2022

