Marktstudie
Rekordinvestitionen und mehr neue FTTB/H-Anschlüsse
In diesem Jahr werden in Deutschland mit voraussichtlich 11,6 Milliarden Euro die höchsten Investitionen seit Liberalisierung des TK-Marktes vor 25 Jahren in Telekommunikationssachanlagen getätigt. Das ist ein Ergebnis der aktuellen Marktstudie Telekommunikation 2022, die alljährlich von der Unternehmensberatung DIALOG CONSULT und dem VATM - Verband für Telekommunikation und Mehrwertdienste veröffentlicht wird. "Die Investoren haben Deutschland für sich entdeckt", sagt Studienautor Prof. Dr. Torsten J. Gerpott, wissenschaftlicher Beirat der Unternehmensberatung DIALOG CONSULT und Inhaber des Lehrstuhls für TK-Wirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Dabei werde vor allem in den ländlichen Raum investiert, so VATM-Präsident David Zimmer.
Gigabitfähige Anschlüsse für drei Viertel der Haushalte
Mit 38,1 Millionen verfügbaren Gigabit-Anschlüssen stehen Ende des Jahres der Studie zufolge drei Vierteln der deutschen Haushalte gigabitfähige Netze zur Verfügung. Dazu zählen HFC-Kabel-(DOCSIS 3.1)- und FTTB/H-Anschlüsse. Rund ein Drittel davon (12,6 Mio.) würden von den Kunden auch genutzt.

3,8 Millionen neue Glasfaseranschlüsse
Beim Neubau von Glasfaseranschlüssen bis ins Haus oder die Wohnung (FFTB/H) wird mit 3,8 Millionen ein neuer Höchststand innerhalb eines Jahres vermeldet. Die Zahl der Glasfaseranschlüsse insgesamt wächst den Angaben zufolge um fast 45 Prozent auf 12,3 Millionen. 28 Prozent der FTTB/H-Anschlüsse (3,4 Mio.) sind gebucht. Im Vorjahr waren es 30,6 Prozent. Die Aufrüstung der Kabel-HFC-Netze auf Gigabit-Geschwindigkeiten stehe vor dem Abschluss. Die Zahl der verfügbaren Gigabit-Anschlüsse in Breitbandkabelnetzen steigt 2022 noch um 200.000 auf 25,8 Millionen Anschlüsse.
Kunden buchen mehr Bandbreite
Insgesamt setzt sich in Deutschland der Trend zu Anschlüssen mit mehr Geschwindigkeit deutlich fort, so die Studienautoren. Fast 60 Prozent der Kundinnen und Kunden nutzen Bandbreiten von 50 Mbit/s oder mehr. Bereits 6,7 Millionen von ihnen haben sehr schnelle Anschlüsse mit Bandbreiten von mehr als 250 Mbit/s auf Basis von HFC- oder Glasfasernetzen und 2,2 Millionen sogar Bandbreiten von mindestens 1 Gbit/s gebucht.

Immer mehr Daten in den Netzen
Die Menschen in Deutschland sind der Studie zufolge immer häufiger im Netz unterwegs. Im Festnetz steigt das Datenvolumen im Vorjahresvergleich noch einmal um ein Fünftel auf rund 122 Milliarden Gigabyte. Im Mobilfunk übertragen die Nutzerinnen und Nutzer 2022 insgesamt rund 11 Milliarden GB – fast die Hälfte mehr als 2021.
5G-Ausbau schreitet voran
Vier von fünf Kundinnen und Kunden werden Ende 2022 mit ihren mobilen Endgeräten im LTE- oder 5G-Netz unterwegs sein, schätzen die Studienautoren. Die Anzahl der für 5G genutzten Karten hat sich innerhalb eines Jahres auf 11,7 Millionen um mehr als ein Drittel erhöht.
Wieder mehr Handytelefonate
Deutschland telefoniert 2022 noch mehr als im Vorjahr: Rund 978 Millionen Minuten wird laut Marktstudie im Durchschnitt hierzulande täglich telefoniert. "Der Anstieg fällt damit aber geringer aus als in den Pandemiejahren 2020 und 2021. 2020 stieg erstmals seit 13 Jahren die Zahl der Festnetzminuten – dieses Jahr sinkt sie wieder leicht“, erläutert Prof. Gerpott.
Umsatzentwicklung im TK-Markt
Der Gesamtumsatz der TK-Anbieter steigt der Analyse zufolge 2022 nominal um 1,3 Prozent auf 60,3 Milliarden Euro. Alle Teilmärkte können leicht zulegen. Dabei ist das Wachstum im Mobilfunkgeschäft etwas stärker als im Festnetzgeschäft. Die Erlöse im Mobilfunkmarkt wachsen um 0,4 Milliarden Euro auf 26,7 Milliarden Euro. Im Festnetzmarkt werden die Unternehmen 33,6 Milliarden Euro (+0,4 Milliarden Euro) umsetzen – 15,8 Milliarden Euro davon entfallen auf die Telekom (+ 0,1 Milliarden Euro), die TK-Wettbewerber (ohne Kabelnetze) verbuchen dieses Jahr 11,6 Milliarden Euro (2021: 11,4 Milliarden Euro). Damit entfallen fast 60 Prozent der Umsätze im Festnetz (ohne Breitbandkabel) auf die Telekom. Der Kabelmarkt wächst erneut um 0,1 auf nunmehr 6,2 Milliarden Euro.
Besonders wichtig für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist der Geschäftskundenmarkt. Dieser ist hart umkämpft, konstatieren die Studienautoren. Während die Telekom mit 12,5 Milliarden Euro rund 0,6 Milliarden Euro mehr mit Geschäftskunden umsetzen wird, sind es bei den alternativen Anbietern 9,1 Milliarden Euro – ein deutlicher Rückgang um 0,8 Milliarden. Die Wettbewerber bleiben bei der Bereitstellung von Geschäftskunden-Anschlüssen sehr stark auf die Vorleistungen der Telekom angewiesen, die trotz Regulierung ihre Marktposition deutlich ausbauen kann.
Herausforderungen durch Krieg gegen die Ukraine und Energiekrise
Beim Ausblick schaut Zimmer auf die wachsenden Herausforderungen für die Telekommunikationsbranche angesichts des Krieges gegen die Ukraine sowie die Energiekrise. "Digitale Infrastrukturen gehören zu den Lebensadern der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft. Daher ist eine Priorisierung bei der Energieversorgung unabdingbar", so Zimmer. Die Unternehmen hätten bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um Energie einzusparen, u. a. der Austausch vieler Komponenten und Systeme, eine reduzierte Kühlung in Rechenzentren, optimierter Betrieb der Klimatechnik. Die fortschreitende Transformation von Kupfer- zu Glasfasernetzen und der Einsatz von 5G werde sich immer mehr energiesparend auswirken.
"Die steigenden Energiepreise und Betriebskosten sowie die hohe Inflationsrate betreffen auch unsere Branche", sagt Zimmer. Materialengpässe sind ebenfalls spürbar. Das gilt z. B. bei Halbleitern und teils bei Rohren. "Die Telekommunikationsbranche ist dennoch bis heute eine der ganz wenigen, die mit sinkenden Preisen für Entlastung in den Portemonnaies der Verbraucherinnen und Verbraucher sorgt oder für das gleiche Geld deutlich mehr Leistung bietet." Der Verbraucherpreisindex für TK-Dienstleistungen ist laut Statistischem Bundesamt seit 2015 um fast 6 Prozent zurückgegangen. Der VATM sieht aber auch einen wachsenden Kostendruck. "Durch die immer weiter steigenden Preise im Bereich Baukosten, Energie und Zulieferer sowie die Inflation muss damit gerechnet werden, dass es auch in unserer Branche in absehbarer Zeit zu Preissteigerungen kommen kann", ergänzt VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner.
VATM-Präsident Zimmer appelliert zum Abschluss der Studienvorstellung: "Wir sind der Enabler für die gesamte Wirtschaft, aber auch für die gesamte staatliche Verwaltung, um die Digitalisierungs-, Nachhaltigkeits- und Klimaziele zu erreichen. Die Politik muss unsere Branche endlich als Schlüsselindustrie wahrnehmen und nicht länger mit immer neuen Belastungen und mehr Bürokratie ausbremsen."
Die Ergebnisse der Markstudie 2022 können von der Website des VATM heruntergeladen werden.
Studienautoren
Prof. Dr. Torsten J. Gerpott ist wissenschaftlicher Beirat des Beratungsunternehmens DIALOG CONSULT GmbH und Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmens- und Technologieplanung mit dem Schwerpunkt Telekommunikationswirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, und.
Andreas Walter, geschäftsführender Gesellschafter des Beratungsunternehmens Dialog Consult GmbH und Lehrbeauftragter für Telekommunikation, Medien und Internet an der Hamburg-Media-School und an der Hochschule Rhein-Main.
Claudia Boss-Teichmann 26.10.2022


