
Die Marktteilnehmer sind sich zwar einig, dass nach dem Wegfall der Umlage das Gros der Mieter bei den Kabelnetzbetreibern bleiben wird, aber die OTT-Anbieter und vor allem die Telekom wollen sich einen Teil des Kuchens einverleiben (Foto: Marc Hankmann)
ANGA COM 2023
Wegfall der Umlage: Mehrheit der Mieter bleibt Kabel treu
Auch nach dem 30. Juni 2024 wird die überwiegende Zahl der Mieter ihr Fernsehen über den Kabelanschluss beziehen. Darüber waren sich die Experten, selbst die OTT-Anbieter (Over the Top), auf dem ANGA-COM-Panel "Quo vadis TV-Empfang: Wer gewinnt nach dem Wegfall der Umlage?" einig.
Ab dem 1. Juli 2024 dürfen die Kosten für den Kabelanschluss nicht mehr über die Mietnebenkosten abgerechnet werden. Netzbetreiber und Wohnungsgesellschaften, die diese Beträge im Sammelinkasso abrechnen, müssen ab dann auf Einzelinkasso umstellen.
Für Tele Columbus, nach Vodafone Deutschlands zweitgrößter Kabelnetzbetreiber, bedeutet dies, rund eine Million Kabelhaushalte von Sammel- auf Einzelinkasso umzustellen. "Wir versuchen, die Wohnungsunternehmen von einem frühzeitigen Wechsel zu überzeugen", sagte Stephan Kalleder, Senior Director Products & Growth bei der Tele Columbus Betriebs GmbH. Doch die meisten warten bis zum Stichtag 1. Juli 2024 ab, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass die Gestattungsverträge, die ab dann null und nichtig sind, dennoch zunächst einmal weiterlaufen.
Lizenzkosten für Kabelnetzbetreiber hoch
Trotz dieser Prognose sehen die OTT-Anbieter dennoch gute Chancen, dass sie Marktanteile gewinnen. Sie haben sich von einem zusätzlichen TV-Produkt zur Hauptbezugsquelle für Fernsehen entwickelt. "90 bis 95 Prozent unserer Nutzung findet auf dem Big Screen im Wohnzimmer statt", sagte Christoph Bellmer, Gründer und CEO der EXARING AG, Betreiberin von waipu.tv, auf der ANGA COM. "Das TV-Geschäft ist ein Low-Margin-Geschäft", erklärte Bellmer, "das sich insbesondere für kleinere Kabelnetzbetreiber nicht lohnt." Die Margen aus dem Sammelinkasso ließen sich jedenfalls nicht erzielen. Selbst Kalleder gab zu, dass für den Mieter das Sammelinkasso 15 bis 20 Prozent günstiger ist als das Einzelinkasso.
Teuer werde es für Kabelnetzbetreiber durch die zu zahlenden Lizenzkosten, vor allem, wenn sie Zusatzfunktionen wie Replay, Restart oder Catch-up anbieten wollen, erklärte Marco Hellberg, Managing Director von M7 Germany. Er geht davon aus, dass es auch in Zukunft Kabelnetzbetreiber geben wird, die mit einer eigenen Marke auftreten wollen. "Die sind dann bei M7", sagte Hellberg in Köln.
Der eigentliche Konkurrenzdruck kommt von der Telekom
Der eigentliche Druck kommt aber nicht von den OTT-Anbietern, sondern von der Deutschen Telekom, die mit günstigen Tarifen für MagentaTV ihren Teil vom Kuchen sichern will. "In vier Jahren werden hier nur noch spezialisierte OTT-Anbieter und die Telekom sitzen, die sich das Geschäft erlauben können" war sich Bellmer sicher.
Kalleder bleibt indes gelassen und verglich die Situation mit der Abschaltung der analogen TV-Verbreitung im Kabel. Damals habe man auch kaum gespürt, dass jemand zum Satelliten oder zur Terrestrik gewechselt sei. Außerdem habe Tele Columbus im Januar 2023 rund 30.000 Haushalte auf Einzelinkasso umgestellt.
Claudia Boss-Teichmann 26.05.2023

