
Auch der Tenor der Paneldiskussion lautete: keine Revolution – aber der Trend geht eindeutig in Richtung IP. Teilnehmer (v.l.n.r.): Joachim Abel, Vice President Product & Processes TV, Deutsche Telekom, Dr. Niklas Brambring, CEO Zattoo, Sascha Molina, Produktionsdirektor NDR, Benjamin Rosenberg, Head of Distribution, BBC, Philipp Rotermund, CEO Video Solutions, Dr. Jörn Krieger, Moderator (Foto: Deutsche TV-Plattform)
TV-Verbreitungswege
Geht das Fernsehen bald komplett ins Netz?
Steht das Ende der Fernsehverbreitung bevor, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen? Gewinnt das Internet auch hier und gehen Distribution und Konsum von Fernsehen bald komplett "ins Netz"? Diese Frage beleuchtete die Deutsche TV-Plattform im Rahmen der 6. Ausgabe ihrer Event-Serie Media Innovation Platform.
Unter dem Titel "Talking about a (R)Evolution? Welche Rolle Broadcast und Broadband für Medienindustrie und Zuschauer zukünftig wirklich spielen" diskutierten hochkarätige Branchenvertreter und Experten am 28. Juni in Berlin die Transformation der Medienverbreitung von Broadcast zu Broadband in all ihren Facetten entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Die Branche muss schneller werden
"Die Zuschauer sind jetzt aktiver, anspruchsvoller und flexibler in der Art und Weise, wie sie Inhalte konsumieren", sagte Prof. Mike Friedrichsen, University of Digital Science, Potsdam, Brandenburg, in seiner Key Note. Darauf müsse sich die Fernsehindustrie einstellen und neue Technologien nutzen, um den Zuschauern ein breiteres und vielfältigeres Angebot an Inhalten zu bieten.
"Die Branche muss schneller auf technische Entwicklungen und die sich verändernden Gewohnheiten der Zuschauer reagieren. Ich glaube, dass Broadcast und Broadband künftig koexistieren, aber die Bedürfnisse des Publikums gehen in Richtung IP. Jetzt müssen diese Innovationsprozesse vorangetrieben werden, um Broadcast und Broadband zusammenzuführen."
Hybride Nutzung ist Standard
"Die hybride Nutzung von audiovisuellen Medien hat sich als fester Standard etabliert", konstatierte Christoph Mühleib, Geschäftsführer von SES Germany in seinem Vortrag. Es ginge also nicht um ein Entweder-oder. Broadcast und Broadband seien schlicht beide in den Haushalten vorhanden. Auf dem Weg zu einer potenziellen 'All-IP-Verbreitung' müsse man sich fragen, ob überall eine flächendeckende Versorgung mit ausreichenden Bandbreiten gewährleistet sei und ob eine rein IP-basierte Verbreitung von Inhalten an Millionen von Haushalten ökonomisch sinnvoll wäre. "Zuschauer nutzen lineares Fernsehen und Streaming auf den verschiedensten Endgeräten und holen sich die Inhalte, wo immer sie diese bekommen. Und dann muss man entscheiden, welcher Inhalt passt zu welchem Netzwerk."
Koexistenz von Broadcast und Broadband
"Die Menschen lieben nach wie vor Fernsehen, und das vor allem auf großen TV-Geräten", sagte Vincent Grivet, Chairman of der HbbTV Association, in seinem Vortrag. Natürlich nehme die Nutzung von Streaming-Services zu, allerdings stünde lineares Fernsehen immer noch an erster Stelle für die Zuschauer. Und 15 Jahre nach dem Start von Netflix & Co. würde man dort jetzt feststellen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Auch aus seiner Sicht wird es perspektivisch zu einer Koexistenz von Broadcast und Broadband kommen. HbbTV sei hier als offener Standard ideal geeignet, europaweit entsprechende Services und Geschäftsmodelle zu etablieren. "Die Rundfunkindustrie muss intelligente Wege finden, um die Koexistenz zu organisieren. Der HbbTV-Standard kann hier eine wichtige Rolle spielen, um entsprechende Modelle zu unterstützen und Synergien zu ermöglichen", so Grivet.
IP ist die Zukunft
"Wir sind bei der BBC der Ansicht, dass das Fernsehen im Mittelpunkt eines erfolgreichen digitalen Übergangs steht", sagte Benjamin Rosenberg, Head of Distribution, BBC. IP werde in Großbritannien zum führenden Medium für die Übertragung avancieren, mehr als die Hälfte der Haushalte würde schätzungsweise bis 2030 ausschließlich IP-Übertragung nutzen. Man gehe davon aus, dass irgendwann in der Zukunft der Zugang zu Radio und Fernsehen ausschließlich über das Internet erfolgen wird. Die Strategie laute daher "digital first", die Priorisierung des Wachstums der digitalen Dienste.
"Wir sehen die Trends und die Zahlen zeigen, dass die Mehrheit der Menschen künftig online auf Fernseh- und Audiodienste zugreifen wird. Irgendwann in der Zukunft werden alle unsere Inhalte über IP konsumiert. Dabei wird es wichtig sein, alle Menschen mitzunehmen und digitale Ausgrenzung zu vermeiden."
Live-Streaming: Große Events, Große Herausforderungen
Bernhard Widtmann, Principal Industry Specialist for Media & Entertainment, Amazon Web Services (AWS), gab Einblicke in die Chancen und Herausforderungen des Wandels von Broadcast zu Streaming. Ein Wandel im Medienvertrieb hin zum exklusiven OTT-Streaming könne bereits zu mindestens gleichbleibenden Zuschauerzahlen führen. So liegt die durchschnittliche Zuschauerzahl für das "NFL Thursday Night Football Game" in den USA nach dem Wechsel von Fox Sports (13 Millionen) zu Amazon Prime Video bei 13 bis 15 Millionen.
Er unterstrich die Herausforderungen, die insbesondere mit dem Streaming solch großer Live-Events verbunden sind. So hätte das exklusive Streaming des WM-Finales 2022 allein in Frankreich (29 Millionen TV-Zuschauer bei France TF1) bei einer HD-Unicast-Bitrate von fünf Megabit pro Sekunde zu einer theoretischen Gesamtrate von 145 Terabit pro Sekunde geführt – das Zehnfache des historischen Spitzenverkehrs, den der Frankfurter Internetknotenpunkt CIX jemals erreicht hat. Um dieses Problem zu adressieren, müssten Internetprovider, Plattformen und Inhalteanbieter eng zusammenarbeiten. Die ständige Erweiterung von Serverkapazitäten sei keine tragfähige Lösung.
Zukunftssicher durch Standardisierung
Dr. Stefan Arbanowski, Director Future Applications and Media, Fraunhofer FOKUS, zeigte, wie komplex die Streamingwelt technologisch ist – mit all ihren Streaming-Formaten, Codecs, Playern, Apps, DRM-Systemen für die Verbreitung von Inhalten über die verschiedensten Netzwerke, Plattformen und Endgeräte. Normen, Standardisierungsorganisationen und Industrieforen würden hier helfen, um diese Technologien miteinander zu verbinden und Entwicklungen zu beschleunigen. HbbTV und der neue Standard DVB-I könnten als Brückentechnologien zwischen Broadcast und Broadband fungieren und den Zuschauern das Beste aus beiden Welten mit sehr guter Usability bieten.
Er sprach auch neue Technologien an wie etwa Media over QUIC. Dieses Protokoll weist im Vergleich zu TCP (Transmission Control Protocol) deutlich geringere Latenzen auf und ermöglicht einen viel kürzeren Verbindungsaufbau. "Standardisierung und Harmonisierung von Schlüsseltechnologien tragen dazu bei Mediendienste zukunftssicher und nachhaltig anbieten zu können. Sowohl die Broadcast- als auch die Broadband-Welt entwickeln sich weiter und nähern sich an. Die technologischen Herausforderungen liegen zunehmend in der Komplexität und Skalierbarkeit der Systeme, bieten allerdings auch ein enormes Innovationspotential."
Fazit: Evolution statt Revolution
Die Revolution bleibt also vorerst aus – aber auch bei der TV-Verbreitung geht der Trend eindeutig in Richtung IP. Andre Prahl, Chief Distribution Officer RTL Deutschland und CEO der Deutschen TV-Plattform "Wir bewegen uns kontinuierlich in Richtung IP – sowohl bei der Nutzung von audiovisuellen Inhalten, wie auch bei deren Verbreitung. Broadcast und Broadband werden noch über viele Jahre koexistieren, aber langfristig gesehen geht der Trend in Richtung 'All-IP'. Dafür müssen aber noch entsprechende Technologien entwickelt werden, um wirklich die gesamte TV-Nutzung ins Internet zu übertragen. Das ist eine hochspannende Entwicklung für die gesamte Branche und die Deutsche TV-Plattform ist für alle Marktteilnehmer das ideale Forum, um die damit verbundenen Fragen und Herausforderungen zu diskutieren und die Zukunft der T-Verbreitung mitzugestalten."
Autor: Stefan Vollmer, Deutsche TV-Plattform
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Diesen Artikel lesen Sie auch in der nächsten Ausgabe von Cable!vision Europe. Sie erscheint am 10. August 2023.
Claudia Boss-Teichmann 25.07.2023

