
Die TK-Branche kann nicht nur fachgerecht verlegen und spleißen, sondern auch kreativ sprayen: Das zeigten Teilnehmer der dibkom-Fachtagung. Sie verschönerten eine Wand im Außengelände der atene KOM Akademie Nordbahnhof anlässlich der 20. Fachtagung mit einem Graffiti (Foto: CBT)
20. dibkom Fachtagung
Nachhaltigkeit im Netzbau und Herausforderungen der NE4
Es war die 20. Fachtagung der dibkom - Deutsches Institut für Breitbandkommunikation, die vom 30. bis 31. August 2023 in Berlin stattfand, und es gab eine Premiere: erstmals war die Deutsche Telekom mit Fachvorträgen dabei. So Andreas Prestin, Technischer Leiter der atene KOM Akademie, in seiner Begrüßung. Insgesamt konnten sich die rund 130 Besucherinnen und Besucher in 23 Fachvorträgen und Diskussionen zu aktuellen Themen des Netzausbaus informieren. 14 Fachausteller sorgten für zusätzliche Praxisimpulse.
Nachhaltigkeit im Netzbau und die Herausforderungen des Ausbaus der Netzebene 4 (NE4) standen im Mittelpunkt der Tagung unter dem Motto "TK-Netzbau mit neuen Vorzeichen: Sustainability und technische Migration".
CO2-Reduktion
Über CO2-Reduktion durch alternative Verlegeverfahren informierte Sven Herring von der Deutschen Telekom AG. Er verglich in einer sogenannten Delta-Betrachtung die CO2-Ersparnis, die diese Verfahren im Vergleich zur Bauweise 30 x 60 cm erzielen. Die Differenzen betragen demzufolge von -1.227 bei der mindertiefen Bauweise bis zu -6.469 (in Kilogramm je Kilometer) bei der oberirdischen Bauweise.
"Das mindertiefe Bauverfahren ist unser Standard, aber da die Kommunen zustimmen müssen und das nicht immer tun, hat es sich noch nicht flächendeckend etabliert", so Herring. Sein Fazit: "Wir hoffen, dass sich die alternativen Tiefbauverfahren mehr und mehr durchsetzen können."
Wie in einem anderen Bereich, nämlich bei der TV-Übertragung, CO2 eingespart werden kann, stellte Frank Fuhrmann von DELTA Electronics in seinem Vortrag zu RF-Overlay vor. Das Verfahren kann laut Fuhrmann in jedem Glasfasernetz angewendet werden und sowohl beim Provider als auch beim Teilnehmer für deutliche Strom- und damit Kosteneinsparungen im Vergleich zu digital terrestrisches Fernsehen (DTT) oder IPTV sorgen.
Zukunftssicherheit der Netze
Das Materialkonzept des Bundes stellte Ulf Freienstein von der atene KOM GmbH vor. Eine der größten Herausforderungen bei der Errichtung der passiven Infrastruktur sei die Einhaltung der Open-Access-Vorgaben, die für alle Netze greifen müssen. Zukunftssicherheit des Netzes ist ein weiterer wichtiges Aspekt – hier hat Nachhaltigkeit laut Freienstein im geförderten Ausbau einen etwas anderen Fokus. Es solle so gebaut werden, dass bei einem erneuten Ausbau nicht nachgearbeitet werden müsse. Daher gebe es beispielsweise relativ hohe Anforderungen an die Faserzahl: für den Anschluss jeder Wohneinheit vier Fasern zzgl. zwei Fasern je Gebäude. Diese Forderung stoße zum Teil auch auf Kritik, so Freienstein.
Kritik am Materialkonzept äußerte Mario Zerson von der Deutschen Telekom AG in seinem Vortrag zu "Glasfasernetzen in Gebäuden". So hielt er die Vorgabe für die Faseranzahl für überzogen, vor allem, wenn geringe Nachfrage nach Glasfaseranschlüssen herrsche. Wenig hilfreich sei auch, dass das Konzept als weiteren Parameter Rohrdimensionen vorgebe.
Für die Inhausverkabelung stellte er unter anderem die Vorteile der Speednetrohrtechnik vor. Man könne bis zum Moment des Einblasens der Glasfaser entscheiden, wie viele Fasern verwendet werden sollen, und dies nachträglich ohne großen Aufwand ändern.
Weitere Fachvorträge befassten sich mit Planungstools, Messtechnik, passiver Technik, Standardisierung und Vorkonfektionierung, Brandschutz – größtenteils mit Schwerpunkt auf der NE4.
Aktuelle Markttrends
Entwicklungen im TK-Markt beleuchtete Rechtsanwalt Dr. Matthias Lindgen, der für Dr. Henrik Bremer eingesprungen war. Vor dem Hintergrund zahlreicher aktueller Herausforderungen wie stark gestiegener Zinsen sowie Rohstoffpreise und Baukosten, denen nur marginale Steigerungen der Umsätze mit den Endkunden gegenüberstünden, zeigte er mögliche Modelle für die Zukunft vor allem kleinerer Unternehmen auf. Es seien allerdings auch Übernahmen zu erwarten, da ein Netz erst ab 10.000 Kunden wirtschaftlich sei und besonders kleinere Netzbetreiber aufgrund des hohen Zinsniveaus gewillt seien, Netze zu verkaufen.
Lisia Mix vom BREKO Bundesverband Breitbandkommunikation e.V., der die Veranstaltung unterstützt hatte, stellte in ihrer Keynote die aktuelle Marktstudie des BREKO (siehe dazu ausführlicher unsere Meldung BREKO: Rund ein Drittel Homes Passed vom 30.08.2023) vor. Zum Thema Open Access sagte sie, es gebe Aggregatorenlösungen, die kleinere Netze attraktiver für die Vermarktung von Diensten machen können.
20 Jahre dibkom-Fachtagungen
20 Jahre sind noch kein Vierteljahrhundert, aber ein guter Anlass, auf die Anfänge zurückzublicken. Daher wurden auf der Veranstaltung die Gründungsmitglieder Prof. Dr.-Ing. Dieter Schwarzenau, Prof. Dr. Claus H. Adams und Dipl.-Ing. Ulrich Freyer gewürdigt.
Ein Zertifikat für Gebäudenetze
Angesichts der zahlreichen vorgestellten Produkte und Lösungen lag die Frage nahe, die Widar Wendt, Geschäftsführer der dibkom stellte: "Wie erhalten wir eine Standardisierung der guten Lösungen für die NE4?" Denn: Für die NE4 gibt es zurzeit keine klaren Vorgaben zur Installation oder Modernisierung von Gebäudenetzen. Daher, so Andreas Prestin, solle ein unabhängiges, transparentes Zielbild geschaffen werden. Dies werde auch von den rechtlichen Rahmenbedingungen gefordert, dem Gigabit Infrastructure Act der EU und der Gigabitstrategie der Bundesregierung. "Wir versuchen in dem Zertifikat, europäisches und nationales Recht zusammenzuführen", so Prestin. Die Kriterien dafür werden aktuell in einem Fachausschuss in Zusammenarbeit mit dem ZVEH (Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke) und Branchenexperten erarbeitet.
Wobei das Siegel nicht nur den Zweck haben soll, die rechtlichen Vorgaben zu erfüllen, sondern den praktischen Nutzen, Qualität und Werthaltigkeit der TK-Gebäudeinfrastruktur zu sichern.
Claudia Boss-Teichmann 31.08.2023

