
Exaring-Vorstand Markus Härtenstein (2. v. r.) befürchtet, dass nach dem 1. Juli 2024 viele Mieter den Kabelanschluss illegal weiternutzen werden (Foto: Marc Hankmann)
Wegfall Kabel-Umlage
"Wir werden die größte illegale TV-Plattform im Kabel sehen"
Auf den Medientagen München ist der bevorstehende Wegfall der Umlagefähigkeit der Kabelanschlussgebühren auf die Mietnebenkosten ein präsentes Thema. Ab dem 1. Juli 2024 können Vermieter die Kosten nicht mehr über die Mietnebenkosten abrechnen. Der Mieter muss entweder einen Vertrag für die weitere Nutzung des Kabelanschlusses abschließen oder er nutzt einen anderen Empfangsweg.
Deshalb geht zum Beispiel die Deutsche Telekom auf wechselwillige Mieter zu und bietet ihnen für 10 Euro monatlich MagentaTV inklusive Netflix und RTL+ für zwei Jahre an. "Wir glauben, dass wir mit dem Produkt die deutlich bessere Wahl zu einem attraktiven Preis sind", sagte Arnim Butzen, Senior Vice President der Business Unit TV & Entertainment bei der Deutschen Telekom, in München. Markus Härtenstein, Vorstand beim waipu.tv-Betreiber Exaring, ist für nicht weniger angetreten als "den Satelliten- und Kabelempfang abzulösen". Die Mieter würden zwischen 8 und 10 Euro im Monat für ein Fernsehangebot über den Kabelanschluss zahlen, das "einen Gegenwert von vielleicht 1 Euro hat – lächerlich", wetterte Härtenstein auf den Medientagen.
"Kein Geld mehr mit Hardware zu verdienen"
Aus Sicht von Bernhard Glöggler, Territory Lead Content Partnerships & Distribution beim TV-Softwareexperten Roku, kann der Wegfall der Umlagefähigkeit ein Wendepunkt hin zu einer größeren Streaming-Nutzung sein. "Gut vorstellbar, dass wir in Zukunft über eine tiefere Integration von Anbietern wie waipu.tv sprechen", sagte Göggler.
Und auch die TV-Gerätehersteller setzen ihre Hoffnungen auf den TV-Empfang via IP. "In Europa kann man mit Hardware kein Geld mehr verdienen", sagte Sascha Lange, Vice President Sales und Marketing bei der Sharp Corporation, in München. Für Sharp ändere sich zwar nichts, wenn ein TV-Gerätebesitzer vom Kabelempfang zu einer anderen Anschlussart am Fernseher wechsele, aber der IP-Bereich biete auch Sharp mehr Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle.
Das Schwarzseher-Problem
Für den Fall, dass sich ein Mieter gegen die weitere Nutzung des Kabelanschlusses entscheidet, muss der Kabelnetzbetreiber sicherstellen, dass dieser Mieter das TV-Signal an der Kabeldose nach dem 1. Juli 2024 nicht mehr nutzen kann. Eine große technische Herausforderung, für die Vodafone derzeit noch keine Lösung hat. Deshalb kündigte Deutschlands größter Kabelnetzbetreiber an, keinen harten Switch-off am 1. Juli 2024 durchzuführen – zumal zu diesem Zeitpunkt die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland auf Hochtouren läuft.
Die Ankündigung ist in der Branche angekommen. "Wir werden im nächsten Jahr die größte illegale TV-Plattform im Kabel sehen", ist sich Exaring-Vorstand Härtenstein sicher, dass nach dem 1. Juli 2024 viele Kabelhaushalte das TV-Signal weiter nutzen werden, auch wenn sie den Kabelanschluss gekündigt haben. Härtenstein und Telekom-Manager Butzen hoffen, dass dieser Umstand dazu führt, dass Mietern bewusst wird, was Fernsehen heute außer lineare TV-Programme noch alles kann – Stichwort Restart, Replay, Cloud-PVR, UHD etc. Dafür müsste der Mieter aber natürlich bezahlen.
Autor: Marc Hankmann
Claudia Boss-Teichmann 26.10.2023

