
Das Diskussionpanel zur Zukunft der TV- und Videoübertragung auf den Cable Days in Linz (Foto: CBT)
Cable Days 2023
"Sicherer Anker in unsicheren Zeiten“
Die Bedeutung der österreichischen Telekom- und Rundfunkbranche für die Wirtschaft, Relevanz durch Kooperationen und Angebote für die junge Zielgruppe und der Status quo beim Breitbandausbau in Österreich standen bei den diesjährigen Cable Days in Linz (24.-25. Oktober) im Mittelpunkt.
Die Cable Days fanden bereits zum 16. Mal statt. In diesem Jahr konnten sie mit rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die am 24. und 25. Oktober ins Design Center Linz kamen, einen Besucherrekord verzeichnen. Gerhard Haidvogel, Obmann des Fachverbandes Telekom/Rundfunk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) bezeichnete die Branche als "einen sicheren Anker in unsicheren Zeiten".
Sie sei der Motor für Digitalisierung, technische Entwicklung und grenzenlose Kommunikation, die Voraussetzung für die Umsetzung des Austrian Digital Acts, für Smart Home und Smart City. Zudem schaffe sie mit der technischen Grundlage für die Medienverbreitung auch die Voraussetzung für die Demokratie, so der Obmann weiter. Die wirtschaftliche Bedeutung der Branche für Österreich wurde in diesem Jahr erstmals in einer Studie dokumentiert, die vom Fachverband Telekom/Rundfunk in Auftrag gegeben worden war.
Trotz der vielfältigen wirtschaftlichen und internationalen politischen Probleme, wie Inflation, Arbeitskräftemangel und geopolitische Krisen, sowie den Herausforderungen der Digitalisierung gibt es viele Gründe für die Branche, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Gerhard Haidvogel, Obmann des Fachverbandes Telekom/Rundfunk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) (Foto: CBT)
Zukunftsszenarien für die Branche
Andreas Gall, Chief Executive Officer & Founder Human Centric Innovators GmbH, warf einen zuversichtlichen Blick auf das zukünftige Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Er betonte, dass wir uns auf unsere ureigenen Fähigkeiten besinnen sollten, denn schließlich seien es die Menschen, die diese Technologien entwickelt haben, die uns heute das Leben leichter machen. Diese Fähigkeit bezeichnete er als "Humanigenz" - die Fähigkeit, um die Ecke zu denken und den Erfindergeist zu nutzen. Gall riet dazu, sich von Science-Fiction-Filmen inspirieren zu lassen und unterstrich, dass viele Technologien, die dort zu sehen sind und zur Zeit der Entstehung völlig undenkbar schienen, heute Realität geworden sind. „Experimentieren ist in unserer DNA, nicht in der der Maschine“, so Gall.
Klaus Böhm, Partner bei Schickler Unternehmensberatung, präsentierte vier mögliche Szenarien, die Contentanbietern als Orientierung dienen können, um sich richtig zu positionieren. Diese reichen von einem Ökosystem, in dem viele lokale Produzenten Content produzieren und vermarkten, bis hin zu einem System mit einem großen Monopolisten, von dem die Nutzer alle Dienste beziehen. Dabei wies er darauf hin, dass solche Modelle in der Realität nie in Reinform existieren, sondern immer Mischformen vorliegen.
Qualität und Kooperationen als Erfolgsstrategien
Bei der Podiumsdiskussion zur Zukunft der TV- und Videoübertragung betonten die Teilnehmer die Bedeutung von Qualität und Kooperationen. So erwartet Wolf Osthaus, Senior Director Public Policy Nordeuropa bei Netflix, für sein Unternehmen Erfolg durch "einen massiven Zuwachs an Qualität auch aus nationalen Märkten, verbunden mit vielfältiger Erzählweise". Beim Content arbeite man beispielsweise mit dem ORF zusammen. Die Technik werde zunehmend zur Commoditiy – die Benutzeroberfläche müsse nutzerfreundlich sein, aber die Möglichkeiten der Entwicklung seien begrenzt.
Alle Teilnehmer waren sich einig, dass Kooperationen immer wichtiger geworden sind und dass die "Rivalität" zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sender der Vergangenheit angehört. Gemeinsam wolle man den globalen Playern etwas entgegensetzen. Fabian Knauseder, Head of Streaming bei Joyn, betonte zudem die wachsende Bedeutung von Interaktivität auf Medienplattformen und dass man bei Joyn an Konzepten arbeite, um mit den Endkunden interagieren zu können.
Konjunkturstabilisierender Effekt der Telekom- und Rundfunkbranche
Eine Wertschöpfung von mehr 11,2 Milliarden Euro sind auf die österreichische Telekommunikations- und Rundfunkbranche im Jahr 2022 zurückzuführen, das entspricht der Wertschöpfung des österreichischen Hochbaus, so Prof. Christian Helmstein. Er stellte die Ergebnisse der Studie "Die volkswirtschaftlichen Effekte der Telekommunikations- und Rundfunkbranche in Österreich" vor, die das Wirtschaftsforschungsinstitut Economica im Auftrag des Fachverbands Telekommunikation und Rundfunk der WKO erstmals errechnet hat. Die Branche wirke aufgrund ihrer kontinuierlichen Investitionen konjunkturstabilisierend. 50.000 Beschäftigte zählte sie 2022, wobei der Anteil der Vollzeitarbeitsplätze extrem hoch ist. Die Einkommen sind überdurchschnittlich im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Allerdings fehlen der Branche 56.000 kompetente Absolventen bis 2030, während der österreichische Arbeitsmarkt insgesamt 540.000 Beschäftigte benötigt. Die Studie kann unter wko.at/telekom-rundfunk abgerufen werden.
Außerdem leide die gesamte Wirtschaft in Österreich aktuell unter der schärfsten Rezession außerhalb der beiden Großkrisen (Lehmann-Brothers-Pleite und Covid-Pandemie) seit dem Zweiten Weltkrieg, sagte er in der anschließenden Diskussion.
Fördergelder besser einsetzen
Um die Telekom- und Rundfunkbranche weiter zu unterstützen, forderte das Plenum unter anderem eine zielgerichtetere Vergabe der Fördergelder, die Förderung von Hausanschlüssen und mehr politische Unterstützung, um den Ausbau zu beschleunigen. Rudolf Schrefl, CEO von Hutchison Drei Austria, betonte beispielsweise, dass seit der Pandemie kein Fortschritt bei der Digitalisierung der Klein- und Mittelbetriebe zu verzeichnen sei und dass es sinnvoller sei, die 400 Millionen Euro Fördergelder dort einzusetzen. Zudem sollte die digitale Bildung gefördert werden.
Zielgruppen ansprechen, die sonst verloren wären
Laut Markus Breitenecker, CEO der Sendergruppe Pro7/Sat1/Puls4-Österreich, ist Kooperation der wichtigste strategische Ansatz, um die Rundfunklandschaft wettbewerbsfähig zu halten. Dies sei entscheidend, wenn sich Sender zu Broadcastern wandeln, die Streaming und TV verbinden. Er betonte, dass alle privaten und öffentlichen Sender eingeladen worden seien, auf Joyn zu kommen, und dass bereits 15 Prozent der Reichweite des ORF über Joyn erreicht würden. Breitenecker hob jedoch hervor, dass lineares Fernsehen und Kabelverbreitung immer noch extrem wichtig seien. Mit den Streamingaktivitäten versuche sein Unternehmen, Zielgruppen zu erreichen, die sonst nicht mehr erreicht werden könnten.
Ein positiver Aspekt ist das hohe Vertrauen in heimische Medien im Vergleich zu Social-Media-Plattformen, wie Breitenecker betonte. Die Wachstumsraten dieser Plattformen hätten sich verlangsamt und seien teilweise sogar rückläufig, zum Beispiel bei Facebook.
Claudia Boss-Teichmann 30.10.2023

