
In Österreich müssen noch über 2,4 Mio. Nutzngseinheiten – von ca. 4,1 Mio. vorhandenen – mit einem Glasfaseranschluss versorgt werden, sagt Dr. Igor Brusic, Präsident der OFAA (Foto: OFAA
Glasfaserausbau in Österreich
Österreichs Weg zur Gigabit-Abdeckung
Wie will Österreich den Weg zur flächendeckenden Glasfasernetz-Versorgung beschreiten, welche Rolle spielt die öffentliche Hand und wie sehen die Ansätze der Zukunft aus?
Als Ausblick auf die Themen des Austrian Fiber Summits am 7. November in Salzburg hat Cable!vision Europe ein Interview mit Glasfaserexperte Dr. Igor Brusic, Präsident der Open Fiber Austria, geführt.
Cable!vision Europe: Herr Brusic, was hat sich in diesem Jahr konkret in Österreich getan – in Hinblick auf den Glasfaserausbau?
Dr. Igor Brusic: Der Glasfaserausbau ist im Jahr 2023 in Österreich definitiv angekommen. Es gibt aktuell kein größeres Telekommunikationsprojekt, das nicht die Realisierung von Glasfaseranschlüssen in den Mittelpunkt stellt. Bis vor zwei Jahren hat man im Festnetzbereich noch sehr viel Geld, Zeit und Energie in das Aufrüsten des Telefonnetzes (FTTC) oder von TV-Koaxialkabelnetzen (DOCSIS 3.1) investiert, das ist jetzt nicht mehr der Fall. In Österreich sind auch die großen Telefon- und Koaxialkabelnetzbesitzer auf den Ausbau von Glasfaser umgeschwenkt. Zumindest so in ihren Ankündigungen. (...)
Gibt es aktuelle statistische Zahlen? Wo steht Österreich im internationalen Vergleich?
Dr. Igor Brusic: Das FTTH Council Europe und die OECD erstellen regelmäßig Statistiken über den Glasfaserausbau in Europa. Die Zahlen für Österreich werden in erster Reihe aus dem Internet Monitor der österreichischen Regulierungsbehörde (RTR) gezogen, der quartalsmäßig erstellt wird. Laut diesen Statistiken ist Österreich im europäischen Vergleich noch immer weit abgeschlagen, hinter Schweden, Spanien und Litauen, welche Vorreiter sind.
Derzeit erreicht Österreich eine Glasfasernetzverfügbarkeit von etwas unter 40 Prozent und eine Nutzung von Glasfaseranschlüssen zwischen 5 bis 6 Prozent, bezogen auf alle genutzten Breitbandanschlüsse. Das würde bedeuten, dass nur ca. 15 Prozent der gebauten Glasfaseranschlüsse auch genutzt werden, bzw. dass die Nachfrage nach Glasfaseranschlüssen sehr gering ist.
Stimmt das so? Entspricht das der Realität?
Dr. Igor Brusic: Nein, nicht ganz. In den letzten sieben Jahren wurden Glasfasernetze fast ausschließlich als Wholesale-only-Netze mit vorgelagerter Nachfragebündelung gebaut und diese hatten durchgehend eine Nutzung bzw. Take-up-rate von 40 Prozent (und mehr) als Voraussetzung für die Projektrealisierung. In über 95 Prozent der Fälle hat man diese vorgegebene Take-up-rate auch erreichen können, weil Wholesale-only für den Endkunden eine Wahlmöglichkeit zwischen den ISPs mit sich bringt. Glasfasernetze, in denen es diese Wahlmöglichkeit für Endkunden nicht gibt oder die in urbanen Bereichen entstanden sind, wo der Endkunde auch eine relativ gute Breitbandversorgung durch andere Netze bekommen konnte, erleben offensichtlich eine wesentliche geringere Nachfrage. In der Statistik wird aber zwischen offenen und vertikal integrierten Glasfasernetzen nicht differenziert und die so entstehende "geringe Nachfrage nach Glasfaser" ist der Mischkalkulation geschuldet, welche das reale Bild stark verzerrt.
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Welche Rolle spielt die öffentliche Hand beim Ausbau von Glasfasernetzen?
Dr. Igor Brusic: Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass der öffentliche Bereich eine wesentliche Rolle im Ausbau von Glasfasernetzen hat. Diese Rolle beschränkt sich dabei nicht nur auf die Geldgeberrolle, im Sinne der Vergabe von Förderungen bzw. Zuschuss an ausbauende Unternehmen. Glasfasernetze haben den Stellenwert einer neuen Infrastruktur, welche uns über mehrere Generationen begleiten wird. Genauso wie man sich heute umfangreich um den flächendeckenden Ausbau von Straßen-, Wasser-, Wärme-, Gas- oder Kanalinfrastruktur kümmert, sollte das auch bei der Glasfaserinfrastruktur der Fall sein. Erfahrung gibt es genug und im Vergleich mit den Genannten ist das Glasfasernetz auch bei weitem die günstigste zu errichtende Infrastruktur. Aktuell ist auf jeden Fall eine partnerschaftliche Kooperation auf Augenhöhe zwischen dem öffentlichen Bereich und den ausbauenden Unternehmen nötig, um eine Flächendeckung zu erreichen.
Claudia Boss-Teichmann 07.11.2023

