
Die Kunden stellen hohe Ansprüche an die refurbishten Router. WOBCOM hat den Standard definiert, nach dem SELOCA die Geräte aufbereitet. (Foto: SELOCA)
Nachhaltigkeit
"Green Router" von WOBCOM und SELOCA
Der "grüne Router" erobert Wolfsburg. Seit März 2024 bietet das Telekommunikationsunternehmen WOBCOM seinen Kunden den "Green Router powered by SELOCA" an. Dabei handelt es sich um Gebrauchtgeräte, die der Servicepartner für Customer Premise Equipment (CPE) aus Rendsburg für WOBCOM technisch und optisch aufbereitet.
Seit 2021 arbeiten WOBCOM und SELOCA zusammen. Damit ist WOBCOM das erste Telekommunikationsunternehmen in Deutschland, das seinen Kunden Gebrauchtgeräte als Erstgerät anbietet. Cable!vision Europe sprach mit Dirk Hoffmann, Produktmanager bei WOBCOM, und Matthias Künsken, Geschäftsführer von SELOCA, über die Zusammenarbeit und Perspektiven des "Green Router".
Das Interview lesen Sie auch in unserer aktuellen Ausgabe 3/2024 ab Seite 22.

Cable!vision Europe: Herr Hoffmann, wie entstand bei Ihnen die Idee des "Green Router"?
Dirk Hoffmann: Bereits in der Vergangenheit hat WOBCOM mit einem Serviceteam Router ihrer Kunden gereinigt bzw. auch zum Hersteller zur Reparatur eingeschickt, z.B. bei Umzügen. Nun hatten wir zwei Effekte: zum einen wächst die Zahl unserer Kunden und damit der Bedarf an Geräten, zum anderen wurde es für uns aufgrund der Chipkrise im Zuge der Coronapandemie schwierig, diese wachsende Nachfrage sicher bedienen zu können. Mangel erfordert Nachhaltigkeit. So entstand die Idee der refurbishten, sprich aufbereiteten oder überholten Router. Und heute sind wir die ersten im Markt, die den Kunden ein solches Angebot machen.
Was für eine Nachfrage erwarten Sie? Wie sieht es preislich aus?
Hoffmann: Der "Green Router" ist seit Anfang März 2024 im Angebot und die Buchungsrate liegt bereits bei mehr als 20 Prozent. Wir sind also zuversichtlich, dass diese Geräte nachgefragt sein werden. Und für die Kunden ist es finanziell interessant. Statt 5,95 Euro Miete kostet das Gerät 3,95 Euro.
Gibt es auch ein mehrmaliges Refurbishment für die Geräte?
Hoffmann: Das ist, je nach Zustand der Geräte, möglich. Wir bieten es derzeit zum Start nicht an. Die Kunden erhalten ein aufbereitetes Produkt der Vorgängergeneration. Das heißt, sie sind eine Generation älter als die Neugeräte.
Starten Sie mit einer Testphase oder bieten Sie diese Leistung von Anfang an unbefristet an? Hoffmann: Wir schauen natürlich, wie sich die Nachfrage entwickelt. Aber eine Befristung des Angebots haben wir derzeit nicht vorgesehen.
Gibt es Überlegungen zu "Green" auch in anderen Bereichen von WOBCOM?
Hoffmann: Die WOBCOM ist ein Tochterunternehmen der Stadtwerke Wolfsburg AG. Das Thema "Green" spielt bei einem Versorger natürlich eine große Rolle. In der Unternehmensgruppe bieten die Stadtwerke Strom aus regenerativer Erzeugung an, Wärme entsteht durch Kraft-Wärme-Kopplung. Und die Fahrzeugflotte der Stadtwerke wird nach und nach auf E-Autos umgestellt. Und nicht zuletzt ist auch die Glasfaser grün. Die Leerrohre werden einmal verlegt und dann kann die Faser eingeblasen werden. Es muss nicht immer wieder neu verlegt werden.
Wo sehen Sie noch Möglichkeiten für "Green Telecommunications"?
Hoffmann: Wir sehen Möglichkeiten, auch andere Geräte aufzubereiten, zum Beispiel Repeater. Aktuell ist es aber noch kein Thema. Seit Anfang März haben wir neben AVM mit TP-LINK einen zweiten Anbieter von Routern. Und damit haben wir noch mehr Kapazität für ein nachhaltiges Angebot.
Worauf kommt es bei der Vermarktung der refurbishten Router besonders an?
Hoffmann: Natürlich spielen Nachhaltigkeit und Preis eine wichtige Rolle in der Vermarktung. Refurbishte Router sind zwar gebrauchte Router, doch haben die Kunden trotzdem hohe Ansprüche an die Qualität der Geräte. Kratzer an der Oberfläche sind okay, die Technik muss SELOCA haben wir den Standard definiert. Dafür haben wir von SELOCA Router erhalten, die unterschiedlich überarbeitet waren. Wir haben dann den Standard festgelegt, nach dem SELOCA die Geräte für uns aufarbeitet.

Herr Künsken, wie ist es zu der Zusammenarbeit mit WOBCOM gekommen?
Matthias Künsken: SELOCA ist seit 2016 mit seinen Services im Markt der Telekommunikations- und Internetanbieter aktiv. Wir sind sehr erfolgreich und seit Gründung ununterbrochen gewachsen. Und wir sind Teil des Ökosystems unserer Branche. Erste zarte Bande zu WOBCOM wurden über die BREKO Einkaufsgemeinschaft geknüpft. Diese ist, wie es auch unsere Bestandskunden sowie Verbände wie BUGLAS und VATM sind, ein wichtiger Multiplikator für uns, ja Vertriebspartner. Gerade die regionalen Provider reden untereinander und miteinander. 2020 war die WOBCOM auf Grund ihres Wachstums auf der Suche nach einem Servicepartner für ihre CPE’s. Wir wurden ihr empfohlen und nach kurzen Verhandlungen kam es im Frühjahr 2021 zur Zusammenarbeit.
Welche Leistungen erbringt SELOCA für WOBCOM?
Künsken: Für WOBCOM haben wir die komplette Endgerätelogistik und technische Bearbeitung der CPE‘s übernommen. Von der Bestellung der benötigten Hardware über das Customizing der Router bis hin zum Kommissionieren und Versenden an die Endkunden oder Servicecenter der WOBCOM läuft die komplette Abwicklung direkt aus unserem Firmensitz in Rendsburg. Hinzu kommen Retourenabwicklung und Refurbishment der wiederverwendbaren CPE‘s.
Was sind und waren die besonderen Herausforderungen in diesem Projekt?
Künsken: Refurbishment ist inzwischen wesentlicher Bestandteil eines funktionierenden Gerätemanagements geworden. Router sind langlebige Geräte und sollten daher möglichst im Kreislauf und somit im Einsatz bleiben. Wegwerfen war gestern! Bei der gemeinsamen Entwicklung des "Green Routers" mit WOBCOM war die besondere Herausforderung, eine optimale Balance zwischen der Akzeptanz der Endkunden und einem niedrigen Ressourcenverbrauch im Wiederaufbereitungsprozess zu finden. Jedes refurbishte Gerät ist technisch wie neu und hygienisch einwandfrei. Die Frage war jedoch, welche optischen Mängel wie Gebrauchsspuren oder kleine Kratzer der Kunde zu akzeptieren bereit ist. Hier haben wir etliche Kriterien ausprobiert und sind zu einem sehr guten Ergebnis gekommen. Darüber hinaus war das Sourcing der benötigten Verbrauchs- und Verpackungsmaterialien wie Kartonage, Polsterung oder Klebeband sehr zeitaufwendig. Wir haben darauf geachtet, dass ausschließlich recycelte oder bis zu 100 Prozent klimaneutrale Materialien eingesetzt werden. Das hat zwar seinen Preis, aber letztendlich haben wir es geschafft, die Gesamtkosten für das Refurbishment des "Green Routers" zu senken, sodass diese Geräte sogar günstiger an den Endkunden weitergegeben werden können.
Gibt es von anderen Netzbetreibern schon Anfragen zu einer ähnlichen Zusammenarbeit?
Künsken: Nach dem Start des "Green Router" im März wollen wir gemeinsam mit WOBCOM erst einmal Erfahrungen sammeln. Aber es gibt schon jetzt vier weitere Netzbetreiber, die in diesem Jahr ein ähnliches Konzept mit uns umsetzen werden. Wenn solche Konzepte in diesem Tempo weitergehen, werden wir alle noch viel Freude daran haben. Und vor allem profitiert davon die Umwelt.
Wie beurteilen Sie das Potenzial im Markt für solche Angebote?
Künsken: Allein für die 80 Kunden von SELOCA, also Netzbetreiber und Internetanbieter, haben wir im vergangenen Jahr fast 350.000 Geräte refurbisht. Das Gros dieser Geräte wurde „wie neu“ aufgearbeitet, also mit einer hohen Anzahl an getauschten Gehäusen und nagelneuem Zubehör, sowie originaler Schmuckverpackung. Ich würde mir wünschen, dass wir zukünftig mindestens die Hälfte dieser Geräte nach den Kriterien des „Green Router“ aufarbeiten. Darüber hinaus gibt es ja noch weitere rund 400 Netzbetreiber in Deutschland, die diesem Vorbild folgen könnten. Potenzial ist also ausreichend da.
Gibt es neben dem "Green Router" weitere Projekte bei der SELOCA, um die Telekommunikationsbranche noch nachhaltiger zu machen?
Künsken: Bei SELOCA betrachten wir permanent sämtliche Prozesse unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit. Beispielsweise haben wir uns eine Photovoltaik-Anlage angeschafft, und beim Fuhrpark setzen wir auf E-Fahrzeuge. Innerhalb Deutschlands machen wir Dienstreisen mit einer Entfernung über 100 Kilometer ausschließlich mit der Bahn und verzichten möglichst auf das Fliegen. Aber auch bei den Geräten, die unsere Kunden einsetzen, erweitern wir permanent das Angebot. Beispielsweise starten wir gerade mit dem Refurbishment für ONTs. Gemeinsam mit Genexis haben wir einen kostensensitiven Refurbishmentprozess für die FiberTwists von Genexis aufgesetzt. Wir haben bereits die ersten vier Netzbetreiber als Kunden hierfür gewinnen können. Und als nächstes werden wir prüfen, ob wir auch für Zubehörartikel wie Repeater und Powerline-Adapter eine nachhaltige und kostengünstige Aufbereitung implementieren können. Es geht also immer weiter.
Claudia Boss-Teichmann 22.05.2024

