Podiumsdiskussion zu "Ein Jahr Glasfaserpakt Baden-Württemberg": (v.l.n.r.) Malte Abel (Vodafone), Markus Isermann (Telekom), Paul Kempf (Zweckverband Breitbandversorgung Lörrach), Dr. Jürgen Raith (OEW Breitband), Daniel Röck (Referatsleiter, Ministerium des Inneren, für Digitalisierung und Europa Baden-Württemberg), Felix Stiegeler (Stiegeler Internet Service), Dr. Frederic Ufer (VATM; Moderation) (Foto: CBT)

Connect BW 2026

Zwischen Glasfaserpakt und Marktproblemen

Der Netzausbau in Baden-Württemberg, Lösungen für die Sicherheit digitaler Infrastrukturen sowie das Zusammenspiel von Glasfaser, Mobilfunk und Satellitenkommunikation standen im Mittelpunkt der 2. Connect BW am 14. und 15. Oktober in Stuttgart.
 
Veranstalter waren das Ministerium des Inneren, für Digitalisierung und Europa Baden-Württemberg gemeinsam und das Deutsche Institut für Breitbandkommunikation (dibkom). Programmpartner war der VATM.

Bilanz Glasfaserpakt: Verbesserte Zusammenarbeit, aber ...

Am ersten Tag zogen Vertreter des Landes, von Netzbetreibern und kommunalen Ausbaugesellschaften eine Zwischenbilanz zum Glasfaserpakt Baden-Württemberg. Ihr Fazit: Die Zusammenarbeit hat sich deutlich verbessert. Bei der Koordination des Ausbaus, der Migration von Kupfer auf Glasfaser und insbesondere beim Open Access bestehen weiterhin unterschiedliche Vorstellungen.
 
Laut Gigabit-Grundbuch lag die FTTB/H-Quote des Landes Ende 2025 bei 35,48 Prozent. Damit belegte Baden-Württemberg im Bundesländervergleich den drittletzten Platz.

Land setzt auf Förderung und Koordination

Den Glasfaserpakt hatten am 18. Juli 2025 24 Partner im Digitalisierungsministerium unterzeichnet, darunter die Landesregierung, Kommunale Landesverbände, Telekommunikationsunternehmen, Branchenverbände und Stadtwerke.
 
Staatssekretär Elmar Steinbacher aus dem baden-württembergischen Innen- und Digitalisierungsministerium betonte die Bedeutung einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur. Die Strategie des Landes setze auf eigenwirtschaftlichen Ausbau und ergänzende Förderung, wo sich Investitionen wirtschaftlich nicht rechneten. Für den geförderten Ausbau seien im aktuellen Landeshaushalt 1,1 Milliarden Euro vorgesehen. Der Glasfaserpakt solle unter anderem helfen, den Ausbau besser zu koordinieren und Doppelstrukturen zu vermeiden.
 
Verschobene oder aufgegebene Ausbauprojekte erschweren die kommunale Planung und können das Vertrauen von Bürgern in angekündigte Vorhaben beeinträchtigen. Daniel Röck vom Innen- und Digitalisierungsministerium sagte, das Land wolle deshalb im bestehenden Ausbauportal auch Rückzüge aus eigenwirtschaftlichen Ausbauvorhaben dokumentieren, sofern diese bereits öffentlich bekannt sind.

Differenzen bei Kupferabschaltung und Pakt-Ziel

Unterschiedliche Einschätzungen gab es zum Wechsel von DSL auf Glasfaser. Vodafone-Regulierungschef Malte Abel forderte einen klaren Plan für die Kupferabschaltung und bei möglichen Abschaltfristen mindestens zwei Jahre Vorlauf. Marcus Isermann, Vice President Politische Interessenvertretung Regulierung und Bundesländer bei der Deutschen Telekom, lehnte ein festes Abschaltdatum ab. Kunden müssten von den Vorteilen der Glasfaser überzeugt werden, statt zu einem Wechsel gezwungen zu werden. Auch kommunale Ausbauvertreter verwiesen darauf, dass eine Abschaltung erst möglich sei, wenn die entsprechende Infrastruktur bereitstehe.
 
Wie unterschiedlich die Vorstellungen vom Ziel des Glasfaserpakts sind, zeigte ein kurzer Wortwechsel zwischen Isermann und Abel. "Wir wollen Glasfaser, nicht Gigabit", erklärte Isermann. Abel hielt dagegen, im Pakt stehe "Gigabit", die Technologie sei zweitrangig. Isermann entgegnete: "Ich habe einen anderen Pakt gelesen."

Open Access: Bekenntnisse und Praxis klaffen auseinander

Laut Dr. Andrea zur Nieden, LL.M., Partnerin der Kanzlei aznLegal, entfallen insgesamt lediglich acht Prozent der aktiven Anschlüsse auf Open Access. Die Zahl nannte sie in ihrem Vortrag zur geplanten Novelle des Telekommunikationsgesetzes. Der von ihr erläuterte Gesetzentwurf sieht weitergehende Verhandlungs- und Kooperationspflichten vor. Geltendes Recht ist das noch nicht.
 
Dr. Jürgen Raith, Geschäftsführer von OEW Breitband, berichtete, dass Bürger bei Informationsveranstaltungen kritisch reagierten, wenn auf einem Glasfasernetz nur ein Anbieter verfügbar sei. Er plädierte dafür, dass Netzbetreiber bereits vor Beginn der Vermarktung klären, welche Diensteanbieter ihre Infrastruktur nutzen können.
 
Abel verwies auf funktionierende freiwillige Vereinbarungen, darunter eine Kooperation mit Deutsche GigaNetz. Eine zusätzliche symmetrische Regulierung sei aus seiner Sicht nicht notwendig und könne bestehende Geschäftsmodelle gefährden.
 
Felix Stiegeler, Geschäftsführer von Stiegeler Internet Services, schilderte Schwierigkeiten beim Zugang zu regionalen Glasfasernetzen. Stadtwerke lehnten Anfragen zu Bitstream-Produkten teilweise ab. Zudem fehlten einheitliche Regelungen für Hausanschlüsse und die Netzebene 4.

"Der Wettbewerb ist so schwach geworden …"

Dr. Henrik Bremer von der Kanzlei Wirtschaftsrat Recht beleuchtete die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Ausbaus. Er verwies auf den Rückzug von Finanzinvestoren, gekündigte Ausbauverträge und kommunale Netze, die den Betreiber wechseln. Seine zugespitzte Einschätzung zur Wettbewerbssituation: "Der Wettbewerb ist so schwach geworden, dass die Telekom mit Überbau nicht mehr drohen muss, weil er nicht mehr stattfindet."
 
Bremer stellte allerdings klar, er meine damit nicht, dass der Überbau grundsätzlich verschwunden sei. Solange Open-Access-Angebote wirtschaftlich nicht attraktiv genug seien, könne der Bau eines eigenen Netzes für ein Unternehmen weiterhin sinnvoller sein als der Einkauf von Vorleistungen.

Resiliente Netze und neue Nutzungsmöglichkeiten

Neben dem Glasfaserausbau und der Zusammenarbeit der Marktakteure standen technische Lösungen im Mittelpunkt. Jörg Eschweiler, Netz33 GmbH, stellte ein Konzept für besonders ausfallsichere Glasfasernetze für kritische Infrastrukturen vor. Vorgesehen sind unter anderem Trassen entlang von Bahnstrecken, metallfreie Glasfaserkabel sowie Monitoring mithilfe von Fiber Optic Sensing. Der Spatenstich für eine 130 Kilometer lange Teststrecke in Brandenburg erfolgte im April 2026.
 
Richard Verhülsdonk von MultiMedia Axess GmbH zeigte, wie Glasfaserkabel neben der Datenübertragung als Sensoren zur Überwachung von Geländegrenzen und kritischen Anlagen dienen können.
 
Christian Dominik Sattlecker von fluctus GmbH stellte einen Ansatz vor, mit dem Netzbetreiber durch zusätzliche Produkte und Kooperationen mit Marken bekannter Unternehmen die wirtschaftliche Nutzung bestehender Glasfaserinfrastrukturen ausbauen sollen.

Entscheidend ist die tatsächliche Nutzung

Ob die nach Aussage der Beteiligten verbesserte Zusammenarbeit der am Ausbau beteiligten Akteure zu messbaren Fortschritten führt, wird die Zukunft zeigen. Neben verlässlicheren Ausbauankündigungen und besseren Open-Access-Bedingungen geht es auch darum, mehr Haushalte nicht nur anzuschließen (Homes Connected), sondern zur tatsächlichen Nutzung der Glasfaser zu bewegen (Homes Activated).
 
Röck formulierte dafür eine klare Erwartung: Bei der Bilanz im nächsten Jahr würde er gerne eine maßgebliche Steigerung der Take-up-Rate sehen.
 
Über die gesamte Tagung einschließlich des zweiten Veranstaltungstags, unter anderem zum Zusammenspiel von Glasfaser, Mobilfunk und Satellitenkommunikation, berichtet ausführlich die Printausgabe 6/2026 von Cable!Vision Europe.
 

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