Netzausbau bei Unitymedia: Die technischen Voraussetzungen für die „Gigabit Cities“

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Dieter Vorbeck, Senior Vice President Technology bei Unitymedia (Foto: Unitymedia)

Die "Gigabit City" Bochum machte im Mai letzten Jahr den Auftakt: Der Kabelnetzbetreiber Unitymedia bot dort erstmals in Deutschland Privatkunden und Unternehmen einen Internetzugang mit bis zu 1 Gbit/s im Download an. Möglich macht dies DOCSIS 3.1. Im November wurde diese Bandbreite auch in Frankfurt verfügbar gemacht, im Dezember folgten Düsseldorf und Köln und am 28. Februar Mannheim und Heilbronn als vorerst letzte Gigabit-Städte.

Eine wichtige Grundlage für die Implementierung von DOCSIS 3.1 war die Umstellung auf volldigitale TV-Übertragung Mitte 2017. Cable!Vision Europe sprach mit Dieter Vorbeck, Senior Vice President Technology bei Unitymedia, über die technischen Aspekte des Netzausbaus: die Voraussetzungen, die Vorgehensweise und die Erfahrungen mit dem Netzbetrieb. Das Interview wurde in unserer Printausgabe 1/2019 veröffentlicht.

Cable!Vision Europe: Wie lange war die Vorlaufzeit vor der Einführung von DOCSIS 3.1 in Bochum und Frankfurt? Welche Arbeiten (am Netz, aktive und passive Technik, Tests) waren im Vorfeld zu leisten?

Dieter Vorbeck: Die Vorlaufzeit in Bochum betrug etwa 18 Monate – von der Planung bis zum Vermarktungsstart. Darin inbegriffen sind umfassende Feldtests, die wir in Hanau durchgeführt haben, wo wir bereits frühzeitig im Rahmen eines Pilotprojekts das analoge Fernsehsignal abgeschaltet haben. In Frankfurt konnten wir bereits auf die in Bochum gesammelten Erfahrungen zurückgreifen und unser Gigabit-Angebot deshalb in einer wesentlich kürzeren Zeitspanne einführen.

Hilfreich bei der Einführung war die vielerorts gute Netzqualität. Diese ist essentiell für die Einführung von DOCSIS 3.1. Denn im Übertragungsnetz müssen unsere Techniker Signalpegel nachjustieren, die Modulationen anpassen, das Einstreuverhalten von Netzelementen reduzieren und allgemein das Netz "aufzuräumen". Die CMTS auf DOCSIS 3.1 aufzurüsten, war viel einfacher. Herausfordernd war die Suche nach einem funktionierenden DOCSIS 3.1 Modem. Wir haben mehrere Geräte diversen Stresstests unterzogen. Denn auch die Modem-Hersteller haben praktisch Neuland betreten. Schlussendlich haben wir uns für ein Endgerät unseres Partners AVM entschieden.

CVE: War die Abschaltung des analogen TV-Signals im Kabel im Juni 2017 eine Voraussetzung für die Einführung von DOCSIS 3.1?

Vorbeck: Ja. Ohne die Abschaltung des analogen TV-Signals wäre eine Einführung von DOCSIS 3.1 zwar möglich gewesen, aber sie wäre nicht besonders effizient und nachhaltig gewesen. Mit der Volldigitalisierung haben wir das Frequenzspektrums im Downstream angepasst und neu geordnet – eine wichtige Grundlage für eine saubere Einführung. Dadurch haben wir massiv Kapazitäten im Kabelnetz freigesetzt. Zusätzlich zur Einführung von DOCSIS 3.1 haben wir auch die Kapazität für DOCSIS 3.0 im Downstream erweitert, sodass hier auch Kunden in Städten, in denen es keine Gigabit-Tarife gibt, von den erweiterten Netzkapazitäten profitieren können.

CVE: Welche (sonstigen) Verfahren wurden eingesetzt, um das Netz leistungsfähiger zu machen?

Vorbeck: Sowohl in Bochum als auch in Frankfurt, Köln und Düsseldorf mussten wir mehrere Cluster-Splits durchführen, um einzelne Netzsegmente zu verkleinern und damit das Netz punktuell zu entlasten. Hierbei kommt es zu Tiefbauarbeiten, bei denen wir neue Glasfaserleitungen verlegen. Das ist aber eigentlich unser Tagesgeschäft – wir machen das auch bei DOCSIS 3.0; in Summe führen wir pro Jahr mehrere hundert solcher Clustersplits durch.

CVE: Welche Netzelemente mussten ausgetauscht werden, damit der DOCSIS-3.1-Standard implementiert werden konnte? Mit welchen Netzausrüstern arbeitet Unitymedia zusammen?

Vorbeck: DOCSIS 3.1 lässt sich nur auf CMTS einrichten, die den CCAP-Standard unterstützen. In den Gigabit-Städten verwenden wir CMTS der Firma Arris. Netzübergreifend nutzen wir aber auch auf die Technik anderer Netzausrüster.

CVE: Der Betrieb von DOCSIS 3.1 stellt Techniker vor neue Herausforderungen, sowohl was das Verständnis der Technologie als auch die Interpretation von Messergebnissen angeht. Z.B. kommt zum ersten Mal im Kabel die Modulationsart OFDM zum Einsatz. Wie hat man sich bei Unitymedia darauf vorbereitet?

Vorbeck: Wir haben bereits letztes Jahr begonnen, unsere Techniker zu schulen, damit sie zuverlässig mit der neuen Technik umgehen können. Inhaltlich steht das Grundverständnis der neuen OFDM-Technik von DOCSIS 3.1 im Vordergrund, aber auch der Umgang mit den hierfür erforderlichen neuen Messgeräten.
CVE: DOCSIS 3.1 ist besser als seine Vorgänger für den Einsatz von Proactive-Network-Maintenance-Systemen (PNM) geeignet. Ist PNM bereits ein Thema für Unitymedia?

Wir setzen PNM bereits ein. Neu beim Einsatz von DOCSIS 3.1 ist die Konzentration auf nur ein Tool, welches die Systemwerte von verschiedenen Netzebenen aggregiert und korreliert. Wir sammeln damit zurzeit noch Erfahrungen und hoffen, dass die Verwendung dieses neuen Tools später ebenso zur Überwachung und Verbesserung der Netzqualität beitragen wird, wie die heute bereits genutzten Instrumente.

CVE: Welche Erfahrungen haben Sie bisher im Netzbetrieb in Bochum mit DOCSIS 3.1 gemacht? Haben sich die Erwartungen an die technische Leistungsfähigkeit erfüllt, was z. B. Interferenzen, Netzeffizienz, Netzmonitoring, Reduzierung des Energieverbrauchs angeht?

Vorbeck: Interessanterweise ist der Durchsatz in weiten Netzsegmenten deutlich höher als erwartet. Die Technik spielt hier ihre Vorteile in Robustheit und Flexibilität gegenüber dem bisherigen statischen DOCSIS 3.0 voll aus. Auch ist nun sogar einfacher zu ermitteln, wo im Netz beispielsweise Einstreuungen auftreten, sodass wir diese schneller als bisher beseitigen können. In Summe bedeutet DOCSIS 3.1 für uns als Netzbetreiber eine signifikant höhere Netzkapazität, gesteigerte Stabilität, verbesserte Netzüberwachung und mehr Energieeffizienz.

CVE: Gibt es schon konkrete Pläne, die Bandbreiten in näherer Zukunft weiter auszubauen?

Vorbeck: Nein, dafür sehen wir aktuell keinen Bedarf. In den Laboren der Cable-Labs sind bereits bis zu 10 Gigabit/s mit Hilfe der Full-Duplex-Technologie erzielt worden, aber das ist Zukunftsmusik.

CVE: Sind Netzwerkupgrades im Downstream auf 1,2 GHz vorgesehen bzw. wird bereits in diese Technik investiert?

Vorbeck: Eine wichtige Neuerung bei der Einführung von DOCSIS 3.1 ist die sehr viel flexiblere Aufteilung des Upstream- und Downstream-Spektrums. Wir bewegen uns aber bei unserem Roll-out im bisherigen Spektrum. Bereits damit lassen sich mit DOCSIS 3.1 Datenraten von über 1 Gbit/s pro Kunde realisieren.

CVE: Bei der Erweiterung des Upstreams auf 204 MHz müsste der analoge UKW-Hörfunk entfallen. Gibt es dazu bereits Pläne?

Vorbeck: Aufgrund der hohen Nutzungsakzeptanz des analogen Hörfunkangebots und der vergleichsweise geringen Verbreitung von digitalen Radioempfängern führen wir die analoge Verbreitung der Hörfunkprogramme vorerst fort. Allerdings streben wir schon an, das Kabel zukünftig vollständig zu digitalisieren, haben hierfür aber noch keinen Termin ins Auge gefasst. Dazu sind wir mit unseren Partnern fortlaufend im Gespräch. (CBT)



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() 01.03.2019


 

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